Der Soundtrack meines Lebens – 13 Songs und was sie mir bedeuten

Djuke Nickelsen September

Du kennst sie auch, die Songs, die dich sofort in eine andere Welt katapultieren, oder? Ich nenne Lieder mit dieser Wirkung den “Soundtrack meines Lebens”.

Im NLP nennen wir sowas einen auditiven Anker: Dein Ohr nimmt einen akustischen Reiz wahr und dein Gehirn checkt in Millisekunden, ob damit eine Erinnerung verknüpft ist. Wenn ja, wird sofort der mentale Erinnerungsprojekttor angeworfen. In deinem Kopfkino spielt plötzlich ein Film aus einer anderen Zeit. Du siehst die Menschen, die in der Situation dabei waren, riechst den speziellen Geruch und erlebst die Gefühle von damals noch mal.

Ich habe euch den Soundtrack meines Lebens hier mal aufgelistet. Es sind 13 Songs, mit denen ich sofort ganz woanders bin.

“Joyride” – Roxette

Meine früheste Erinnerung an Musik teile ich mit dem Rest der Generation, die in den 90ern groß geworden ist: Ich hänge gespannt wie ein Flitzebogen vor dem Radio, hoffe, dass sie endlich “mein” Lied spielen. Und sende Stoßgebete zu allen Gottheiten dieser Welt, dass der Moderator nicht wieder übers Intro quatscht oder eine dusselige Verkehrsmeldung den Song unterbricht.

Ich war ein RIESEN Roxette-Fan und hatte echt Ausdauer. Ich kann es nicht mehr genau sagen, ich weiß nur noch: es dauerte Wochen, bis ich eine vernünftige Aufnahme von “Joyride” auf einer Kassette hatte. Ab dann lief der Song in Dauerschleife.

“Smells Like Teen Spirit” – Nirvana

Wir sind immer noch in den 90ern. Wenn ich das Lied höre, ist es innerlich 6:38 Uhr und ich habe noch fünf Minuten Zeit, bis der Zug kommt, der mich zur Schule bringt. Neben mir: Anna und Martina, genauso müde wie ich. Die Kommunikation läuft überwiegend nonverbal.

Alles könnte sehr friedlich sein, wenn da nicht ein paar Meter weiter ein Typ wäre, den alle nur “Mauze” nennen. Bedauerlicherweise hat Mauze einen Ghettoblaster dabei, der den ganzen Bahnsteig mit dem Album “Never mind” von Nirvana beschallt. Jeden Morgen. Bei “Smells Like Teen Spirit” gab’s für Mauze kein halten mehr. Lautstärke auf Anschlag und Headbanging bis zum Schleudertrauma. Das Lied hat sich damit für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Allerfeinster Grunge eigentlich. Nur konnte ich das damals nicht würdigen, ich fand es einfach zu laut für die Uhrzeit.

“Mief” – Die Doofen

Roxette und Nirvana mag ich bis heute. Der nächste Track im Soundtrack meines Lebens ist nur mit reichlich Nostalgie zu ertragen: “Mief”. Gesungen von den “Doofen”, was ein sehr treffender Name ist für diese irre Band von Wigald Boning und Olli Dittrich, bekannt aus “RTL Samstag Nacht“. In den 90ern war es ein Muss, diese Show im Fernsehen zu gucken. Jedenfalls, wenn man montags in der Schule irgendwie mitreden wollte. Sie startete – glaube ich – um 22 Uhr. Die ganz coolen Kids sind hinterher noch ausgegangen, ich fühlte mich schon wahnsinnig erwachsen, überhaupt so lange aufzubleiben.

Nächstes peinliches Geständnis: Das Album “Lieder, die die Welt nicht braucht” war meine erste CD, und “Mief” war die erfolgreichste Single-Auskopplung. Enjoy!

“Bed of Roses” – Bon Jovi

Drama, Baby! Jetzt kommt eine fette Dosis Herzschmerz. Ich war 16, und wahnsinnig verliebt. Aber der Typ wollte mich einfach nicht. Noch schlimmer: Er wollte meine Freundin. Sie ihn aber nicht. Und so waren drei Teenies einen Sommer lang todunglücklich. Ich habe wochenlang gerade mal so für die Schule mein Zimmer verlassen, die restliche Zeit habe ich heulend auf dem Teppich gelegen und “Bed of Roses” on repeat gehört. Hachz.

Wenn ich das Lied heute höre, habe ich natürlich sofort wieder die Situation vor meinem inneren Auge. Aber viel weniger intensiv, der Schmerz ist nicht mehr da, nur noch ein Gedanke. Eine schöne Erinnerung daran, dass Zeit wirklich ein wahnsinnig wirksames Mittel zur Wundheilung ist.

“Independent Love Song” – The Bates

Wir hatten schon meine erste CD, jetzt kommt mein erstes Konzert: The Bates! Eine Punkband aus dem weltbekannten Ort Eschwege, die aus unerfindlichen Gründen in meinem ebenso weltbekannten kleinen Heimatort ein Konzert gegeben haben. Saugeil.

Am bekanntesten sind die Bates für ihre Cover-Version von “Billy Jean” (im Original von Michael Jackson). Ich persönlich finde bis heute ihre eigenen Songs besser, die sind so schön schrammelig. Lieblingslieder: “Say it isn’t so” oder eben “Independent Love Song”.

“Firestarter” – The Prodigy

Ab auf die Tanzfläche! Das war das Kommando, wenn der DJ im “Dorn” Firestarter gespielt hat. “Dorn” ist kurz für “Dornbusch”, und ich bin (selbstverständlich) immer noch der Meinung, dass das der coolste Club ist, den es je auf dieser Erde gab. Die Luft drinnen war zwar zum Schneiden dick vom ganzen Zigarettenqualm (keine Ahnung, wie ich das ausgehalten habe), aber die Musik war einfach meins: The Prodidy, R.E.M., The Cure, Sisters of Mercy, Pearl Jam, TheBloodhound Gang,…

Bedauerlicherweise haben sie irgendwann Anfang der 2000er dicht gemacht, aber bis dahin habe ich sehr, sehr viele legendäre Abende im Dorn verbracht.

“Superjeile Zick” – Brings

Ein Sprung in die 2000er. Ab nach Köln, wo ich als Nordlicht den Straßenkarneval lieben lerne. Und kölsches Liedgut. Ja, Karneval ist archaisch. Ja, Karnevalsmusik nervt, wenn du nicht gerade in einer Kneipe mit 150 anderen Jecken schunkelst. Nein, kölsche Musik und Karnevalsmusik ist nicht 100-prozentig deckungsgleich.

“Superjeile Zick” erzählt von einem Abend, der langsam anfängt und dann, weil alle einfach mal loslassen, so unbeschwert wird, wie’s früher mal war. “Bin ich hück op d’r Roll, nur noch haaf su doll. Doch hück Naach weeß ick nit wo dat ende soll” – früher habe ich das nicht verstanden, ungefähr 20 Jahre später weiß ich genau, wovon “Brings” singen… Ein Lied, das mich an eine wunderbare Zeit in Köln erinnert, mit großartigen Menschen und großartigem Lebensgefühl. Studiert habe ich auch ein bisschen.

“Summer Wine” – Ville Valo & Natalia Avelon

Der Song gehört ebenfalls in meine Zeit nach Köln. Ich mag ihn sehr, auch wenn ich immer ein bisschen traurig werde. “Summer Wine” lief etwa jede Stunde im Autoradio, als ich mit meiner Freundin Bettina und ihrem Freund und späteren Ehemann einen Trip ins Breisgau unternommen habe, um dort den “Gutedel-Tag” zu zelebrieren. Apropos “Summer Wine”.

Was so traurig daran ist? Bettina ist 2019 gestorben. Das Lied erinnert mich an sie, an die schönen Erlebnisse, die wir miteinander hatten, wie wir zusammen erwachsen geworden sind. Und daran, dass das Leben kurz ist. Und dann muss ich ein bisschen weinen.

“Fuck you” – Lily Allen

Umzug nach Berlin. Rein ins Arbeitsleben. Mit den richtigen Leuten und den richtigen Zielen fühlt sich Arbeit oft nicht nach Arbeit an. Ich steige ein ins politische Campaigning und ins Wahlkampfmanagement für die Grünen. Die Zeit zwischen Bundestagswahl 2009 und Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011 verschwimmt etwas, wir waren eigentlich alle dauerhaft im Kampagnenfieber.

Echte Lichtblicke im Arbeitsmeer sind die CSD-Umzüge. Ein Arsch voll Arbeit: von “LKW für die Demo mieten” über “Luftballon-Ketten bestellen” bis hin zur Materialproduktion: Sticker, Fächer, Kondome. In allen Farben des Regenbogens. Aber wenn der Wagen rollt, ist alle Anstrengung vergessen. Mein Highlight: Wenn der Demo-DJ “Fuck you” von Lily Allen auflegt: “So you say it’s not okay to be gay? Well, I think you’re just evil. You’re just some racist, who can’t tie my laces. Your point of view is medieval.”

“Tatort”-Titelmusik

Ab 30 ist ein bisschen Spießigkeit erlaubt, oder? Seit zwei meiner besten Freunde in eine gemeinsame Wohnung gezogen sind und ein sehr großes Wohnzimmer haben, habe ich sonntagabends ein stehendes Date mit meiner Wahlfamilie.

Erst wird gekocht, dann kommt die Familie am Abendbrottisch zusammen, und um 20.15 Uhr verlagern wir uns auf die Sofalandschaft vor den Fernseher für den neuen “Tatort”. Rätseln gemeinsam, wer’s getan hat, ob das jetzt eine falsche Fährte ist, bedauern den TV-Tod von Meret Becker und wundern uns, dass jetzt doch langsam mal die abschließende Verfolgungsjagd anfangen sollte. Ich schaff’s nicht jeden Sonntag, aber: I love it.

“Ausgehen” – AnnenMayKantereit

Das Lied steht für mich wie kein anderes für die Zeit, als ausgehen plötzlich zu einem Ding der Unmöglichkeit wurde. Im Frühjahr 2020 habe ich dieses Lied in Dauerschleife gehört. Der tiefe Bass von Sänger Henning May war wahnsinnig beruhigend, der softe Beat hat mich geerdet, das Video hat mich zum Lachen gebracht.

Viel mehr kann ich dazu nicht sagen, außer: ich mag auch den Text. Es ist eines der schönsten Liebeslieder, das ich kenne. Es beschreibt ganz wunderbar den Zauber, der da ist, wenn du einen neuen Menschen triffst und fühlst: da passiert gerade etwas, das mit Logik nicht zu erklären ist.

“Radiate” – Sailing Conductors

Dieses Lied steht für eine intensive Zeit im Sommer 2021. Im Rahmen meiner Ausbildung zum NLP-Master waren wir mit dem Kurs 10 Tage auf Rügen. Minus 2 Tage für An- und Abreise waren das 8 Tage nur für mich, für meine ganz persönliche Entwicklung.

Zu meinen Coachees sage ich ja: “Gib so viel von dir ins Coaching rein wie du raus bekommen möchtest.” Ich hatte an sehr vielen verschiedenen Stellen die Schnauze voll von mir und habe sehr viel in diese Zeit auf Rügen rein gegeben. Das waren Glaubenssätze wie “Ich bin nicht genug” oder “Ich gehöre nicht dazu”. Und eine riesige innere Blockade, die mich daran gehindert hat, nach Hilfe zu fragen und anzunehmen.

Vor allem in der Zeit nach dem Camp, als all die Dinge Zeit hatten zu wirken, habe ich “Radiate” gehört. Immer wieder. Es ist Lied darüber, dass es nie zu spät ist, die Person zu sein, die du sein möchtest. Und dass du es kannst, weil du alles in dir hast, was dazu nötig ist.

“An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen” – Kapelle Petra

Na toll. Die Liste schließt mit Weltuntergangsstimmung? Ja. Und nein. Denn die Jungs von “Kapelle Petra” singen zwar davon, dass die Welt untergehen wird. Und dass keiner das Leben jemals überleben wird. Aber sie schicken die gute Nachricht direkt hinterher: Das Ende kann’s nur einmal geben.

Der Song ist aus 2020, aber ich bin erst jetzt, zwei Jahre später drüber gestolpert. Und mag ihn sehr. Mit gefällt, dass sich aus dieser radikalen Akzeptanz der Realität kein kopfhängender Fatalismus entwickelt. Sondern die Basis dafür, das Leben jetzt zu leben: “Irgendwann geh′n irgendwie die Lichter aus. Und bis dahin machen wir das Beste draus.” Eine Ermutigung, sich keine Sorgen zu machen – lohnt sich eh nicht. Da bin ich dabei!

Was gehört in deinen Soundtrack des Lebens? Schreib’s mir als Kommentar unter diesen Beitrag!

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